Presse
Hier möchte ich in loser Reihenfolge über die Bücher schreiben, die ich gelesen habe. Ob Lob oder Tadel, werfen Sie selbst einen Blick hinein und bilden Sie sich eine eigene Meinung.
Durst-Benning, Petra: Die Zarentochter, 2009 Ullstein Buchverlage Berlin, ISBN: 978-3-471-35027-0
Buntes Sittengemälde - blasse Prinzessin
Das Buch liest sich schnell und angenehm durch. Die Athmosphäre im Zarenpalast wird in bunten, teilweise sogar eindrucksvollen Bildern geschildert. Die Nebenfiguren überzeugen, wie z. B. die Gouvernante/Hofdame Anna, die vom Zaren engagiert wurde, Tochter Olga auf den "richtigen Weg" zu bringen. Daneben verblasst die eigentliche Hauptdarstellerin des Buches nahezu. Olga ist zwar traurig, dass sie nicht Herrin ihres Schicksals ist, macht sich aber keine nennenswerte Mühe, ihr Leben selbst in die Hand zu nehmen. Da überzeugt Schwester Mary mehr. Die Männer werden für sie ausgesucht, ihr zugeführt, bei Bedarf fortgelobt ... und Olga hofft weiterhin auf den Märchenprinzen.
Dem Buch fehlt leider die Spannung, die man sich bei einem solchen Stoff wünscht. Die Handlung plätschert langsam vor sich hin Richtung voraussehbares Ende. Man fühlt sich ein wenig enttäuscht. Ob der geplante zweite Band hält, was der erste verspricht, muss abgewartet werden.
Fazit: Weniger ein Buch zum Kaufen als ein Buch zum Ausleihen und schnell an einem verregneten Wochenende durchschmökern.
Lelord, Francois: Hector & Hector, 2009 Piper Verlag, ISBN: 978-3-492-04528-5
Heile Welt und eine Figur mit mehr als nur Schönheitsfehlern
Petit Hector, sein Vater und die Maman leben in der Welt des französischen Großbürgertums, alles vom Besten, nichts stört das Idyll. Das gibt Petit Hector Gelegenheit, das Leben anhand von Fragen zu lernen, die er seinen Eltern stellt. Er ist nicht gezwungen, sich wirklich dem Leben zu stellen.
So präsentiert sich ihm das Leben in Form von Lektionen, die fein säuberlich nacheinander kommen, nicht etwa in unverdaulichen Brocken oder gar als Aufgabe, die sich mit den Kräften eines Jungen in der Frühpubertät gar nicht lösen kann. Immer sind die Eltern da, gibt es Freunde, zur Not bringt die Schule die Welt wieder in Ordnung.
Das liest sich mit Schmunzeln, lässt den Leser auch ein wenig träumen. Aber er kann beim Lesen nicht vergessen, dass er es nicht mit einem realen Jungen zu tun hat, der in der Welt des frühen 21. Jahrhunderts lebt. Dafür ist die Figur einfach viel zu sehr konstruiert. Wir erleben einen Jungen aus dem Bildungsbürgertum, der sich auf der einen Seite Sorgen um eine Erektion macht, aber auf der anderen Seite nicht die Weltreligionen beim Namen nennen kann, geschweige die verschiedenen christlichen Konfessionen kennt. Er muss auch mehrere Jahre die Schule besuchen, ehe er mitbekommt, dass Schulnoten etwas mit dem Geldbeutel der Eltern zu tun haben und die sozialen Schranken den Alltag und das Leben bestimmen. Wo hat der Junge vorher gelebt? Gar nicht, denn er ist - leider - nur ein Konstrukt des Autors. Und dieser hat sich nur wenig Mühe gemacht, sich in der Welt eines realen Jungen umzuschauen, ehe er das Buch schrieb.
Fazit: Philosophie Eins, Leben leider nur eine Drei Minus. Kein Buch, das ich weiterempfehlen möchte, nicht zuletzt auch mit Blick auf den hohen Preis. Edle Aufmachung ist kein Ersatz für erstklassigen Inhalt.
Schmelzer, Roger: Die besten zehn Sekunden meines Lebens, 2009 Kiepenheuer & Witsch, ISBN: 978-3-462-04140-8
Dicker Junge - Happy End mit Hindernissen
Chris Mackenbrock hat es nicht leicht, aber leicht hat es ihn. Übergewicht, banale Kindheit, ebenso banale Jugend und Freunde, die alle sehr lieb sind, aber auch nicht gerade für Auftrieb und Tempo sorgen. So dauert es denn auch mehr als lange genug, bis er mit seiner Traumfrau vereint ist. Und dies nicht nur, weil er im entscheidenden Moment die Zähne nicht auseinander bekommt.
Dazwischen liegt eine lange, gemächlich betriebene Suche nach dem Platz im Leben mit all den Rückschlägen, die die Welt für jeden von uns bereit hält. Nichts, was die Freunde von Statistik und Wahrscheinlichkeitsrechnung Freude bereiten könnte. Nein - nicht ganz. Denn am Schluss bekommt Chris wirklich die Frau, die für ihn geschaffen wurde. Ende gut, wenn auch anders als erwartet.
Fazit: Nett zu lesen an einem Wochenende, an dem man wieder mal alleine daheim hockt und kurz davor steht, die Bude ohne Sinn und Verstand auf den Kopf zu stellen. Kaufen? Eher nicht, ausleihen reicht - denn das Leben wartet auf den, der den A.... vom Sessel wuchtet und nicht nur die Problemzonen im Hüftbereich aktiv bekämpft.
Meltzer, Brad: Das Buch der Lügen, 2009 Rowohlt Verlag, ISBN: 978 3 499 25269 3
Väter, Söhne und das Tragen von Schuld
Es geht um Beziehungen, wie sie dramatischer kaum sein können: Ein Priester wurde wegen Homo-Verdachts von der Familie verstoßen, ein Kind verliert erst die Mutter, und dann muss der Vater ins Gefängnis, von wo er aus dem Leben des Sohnes verschwindet. Das Mitglied einer ominösen Gruppe kämpft um die Wiederbeschaffung eines Artefaktes, und damit um die Anerkennung innerhalb seiner Familie und der Gruppe.
Es geht um das Buch der Lügen und um die Frage, wie Kain seinerzeit Abel tötete. Aber geht es wirklich "nur" um die älteste Mordwaffe der Welt oder um die Frage, warum ER dem Täter verzieh? Der Autor schickt Cal von Florida über Cleveland und Ohio bis ins sonnige Kalifornien, um dieses Artefakt zu beschaffen. Begleitet von seinem Vater und dessen Freundin, verfolgt, unterstützt und beschattet von Personen, deren Rolle unklar bleibt, wird aus der Jagd sehr schnell ein Road-Movie. Und am Ende spielt es keine Rolle mehr, wie das Artefakt ausschaut. ER gab Kain ein Zeichen, um die Strafe zu mildern und die Menschen vor Selbstjustiz und Selbstgerechtigkeit zu warnen.
Der Autor versteht es sehr gut, durch scheinbar zufällige Handlungsskizzen die Personen des Buches zu charakterisieren. Sie sind, was sie tun. Sie sind, was man aus ihnen gemacht hat. Falls sich dies nicht später als Lüge oder Halbwahrheit entpuppen sollte. Entpuppt sich nicht schon der verschwundene Vater als Mann in guten Verhältnissen lebend, obwohl man ihn per Zufall (oder auch nicht) als Obdachlosen fand?
Leider hat das Buch aber auch seine inhaltlichen Schwächen. Mitchell Siegels Vater ist zwar ein armer Jude, besitzt aber wenige Zeilen später Gold und Ringe, um den Versuch zu wagen, den Sohn vom Militärdienst freizukaufen. Sogar die Familienbibel wird verhökert. Der junge Mitchell überlebt als Einziger ein gefährliches Abenteuer, erbeutet dabei fünf Artefakte, wovon er vier an die Amerikaner verkauft. Diese benötigten zwar auch das fünfte Stück, unternehmen aber keinen ernsthaften Versuch, an das Artefakt zu gelangen. Später, in Amerika, taucht dann wieder die - damals vom Großvater verkaufte - Familienbibel wieder aus dem Nichts auf, um von Jerry Siegel als Versteck für das Artefakt verwendet zu werden. Jerry schenkt dem Museum diese Bibel. Im Museum wird das Buch katalogisiert, jedoch merkt bei dieser Gelegenheit niemand, welch brisanten Inhalt es birgt. Auch im Gefängnis, wo die Bibel letzten Endes landet, wird niemand misstrauisch, obwohl eine Bibel von 1875 in Hebräisch/Russisch nebst Artefakt doch eigentlich eine Nachfrage beim Schenker wert sein sollte. Aber die amerikanischen Behörden, die Mitchell Siegel immer noch ein wenig unter Beobachtung halten, sind auch nicht klüger oder fleißiger. Obwohl das Artefakt so wichtig ist, dass man den Finder unter Beobachtung hält, versäumt man es, der verarmten Familie Siegel Geld anzubieten. Den Versuch, sich mit List (vulgo: schlichten Diebstahl) des Artefakts zu bemächtigen, unternimmt man erst gar nicht. Auch den Mord an Mitchell Siegel kann man nicht verhindern.
Fazit: Interessantes Thema, gute Figuren und eine actionreiche Handlung, die bis zum Ende spannend bleibt. Leider hapert es bei einigen wichtigen Stellen an der Glaubwürdigkeit. Hier hätte man sich einen logischeren Aufbau gewünscht. Wer Spannung pur liebt, ist mit dem Buch gut bedient. Wer jedoch höhere Ansprüche an ein solches Werk stellt, wird unzufrieden sein.
Duncker, Dora: Die Geliebte des Sonnenkönigs, 2009 Karl Müller Verlag, Langenfeld, ISBN: 978-3-940984-87-6
Louise de La Valliere kommt als junges, unbedarftes Mädchen an den Hof der Schwägerin des Sonnenkönigs. Diesem fällt die frische, sich von den anderen Damen der Gesellschaft wohltuend absetzende Frau ins Auge. Es beginnt eine Romanze, die von beiden zunächst vor der Hofgesellschaft und vor der Königin geheim gehalten werden muss.
Nach einigen Jahren, mehrere Kinder wurden dem ungleichen Paar geboren, verliert der König das Interesse an der nicht mehr jugendfrischen Frau. Intrigen aller Art und eine raffinierte Rivalin machen zudem Louise das Leben zur Qual.
Dora Duncker schrieb diesen Roman bereits zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Das Werk ist trotz der mittlerweile antiquierten Sprache immer noch lesenswert für alle, die eine Prise Erotik dem geballten Sex vorziehen und die beim Crime darauf verzichten können, in Blut und Gewalt zu waten.
Schade, dass der Verlag darauf verzichtet hat, die veraltete Sprache behutsam zu modernisieren. Neue deutsche Rechtschreibung und die Wortwahl des frühen 20. Jahrhunderts wirken doch ein wenig befremdlich.
Rickman, Phil: Mittwinternacht, 2009 rororo, Einbek, ISBN: 978 3 499 24906 8
Merrily Watkins, anglikanische Pfarrerin und allein erziehende Mutter, wird vom neuen Bischof in ein zusätzliches Amt gedrängt, das ihr großes Unbehagen bereitet. Schon der Vorbereitungslehrgang zum Exorzistenamt lässt ahnen, dass es um mehr geht als um verirrte, gequälte Seelen oder fehlgeleitete Jugendliche. Weder vom Bischof noch vom früheren Amtsinhaber gibt es Unterstützung, als die ersten Schwierigkeiten auftreten. Häusliche Probleme mit Tochter Jane kommen hinzu. Alte Freunde und neue Bekannte tauchen zu den seltsamsten Gelegenheiten und an den seltsamsten Orten auf. Zu Recht fragt sich Merrily schon bald, wer Freund ist, wer Feind - oder wer sich einfach nur feige raushält, um später auf der richtigen Seite stehen zu können.
Unerwartete Hilfe bekommt sie von den Frauen: Sekretärin Sophie, die alte Magierin Athena, Kripobeamtin Howe und Krankenschwester Cullen helfen ihr, das zu besiegen, was jede von ihnen "das Böse" nennt.
Schnell findet sich Merrily Watkins in einem Thriller wieder. Hereford mag wie ein beschaulicher Bischofssitz aussehen, aber beschaulich geht es dort nicht lange zu. Erst als ihr Amtsvorgänger und ihr früherer Exorzistenausbilder ihr unter die Arme greifen, schafft die Pfarrerin es, sich erfolgreich dem Bösen zu stellen und wenigstens einen Etappensieg davonzutragen.
Fazit: Keine vordergründige Spannung, keine Action- oder Fantasyszenen, wie man es vielleicht erwartet hat. Alles baut sich langsam auf, der englische Nebel löst sich nur langsam. Trotzdem wird es keine Sekunde langweilig. Ein Buch, das man nicht an einem Wochenende verschlingen kann, man muss es lesen, Seite für Seite und mit Ruhe.
Schade, dass kein Glossar angehängt ist, in dem die wichtigsten Begriffe kurz erläutert werden. Ohne Vorkenntnisse in Parapsychologie oder der anglikanischen oder wenigstens katholischen Kirche sind etliche Passagen nur schwer zu verstehen. Trotz der hervorragenden Gliederung und der sehr guten Kapitelüberschriften wurde auf ein Inhaltsverzeichnis verzichtet. Die schlecht formatierten Seitenzahlen sind auch mehr als ein kleiner Schönheitsfehler. Empfehlenswerter Text, aber nur kärgliche Aufmachung. Zudem fragt man sich, warum ein Werk, das so auf den Jahrtausendwechsel ausgelegt wurde, erst im Jahre 2009 für den deutschsprachigen Markt übersetzt. Zum Millennium ein Knaller, jetzt schon ein wenig angestaubt.
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